Nur dann wird Europa Einfluss in der Welt haben
Ohne deutsche Führung bleibt Europa international bedeutungslos. Um selbst wirksamer handeln und so auch für seine Partner nützlich sein zu können, muss das Land die strukturellen Schwächen seiner Außenpolitik und des dahinter stehenden politischen Establishments erkennen und überwinden. In Bezug auf Russland fällt Deutschland in der EU die besondere Verantwortung zu, das Verhältnis auch in Krisen weiter zu pflegen.
Manche Stimmen halten Deutschland für selbstbe-zogen, ziellos, unzuverlässig, unentschlossen, unsicher und ängstlich vor sich selbst, auf der Oberfläche über- mäßig moralistisch und emotional, darunter zugleich unverhohlen pragmatisch und vorteilsorientiert.
Das heutige Deutschland ist der Wirtschaftsmotor der Europäischen Union, eine führende Welthandelsnation, ein prinzipienfestes, Recht und Gesetz achtendes Mitglied der internationalen Gemeinschaft. Das Land hat sich gründlich mit seiner eigenen Geschichte auseinandergesetzt und die einst so belasteten Beziehungen zu seinen Nachbarn auf ein neues Fundament gestellt. Dieses Deutschland fühlt sich moralisch verpflichtet und lebt die Werte vor, die es predigt. Es ist heute die inoffizielle, wenn auch verhaltene Führungsnation in der EU und ein loyaler, wenn auch gelegentlich kritischer Verbündeter der Vereinigten Staaten in der NATO.
Deutschland verdankt diese beneidenswerte Stellung verschiedenen Umständen: seiner beispielhaften Anstrengung, sich nach 1945 neu zu erfinden, dem Aufbau einer erfolgreichen sozialen Marktwirtschaft in der Zeit des Kalten Krieges und der friedlichen Wiedervereinigung des Landes im Jahre 1990. Mit seiner vorsichtig abwägenden Politik in der Eurokrise der Jahre 2009-11 hat Deutschland die Fähigkeit bewiesen, seine Partner aus einer gefährlichen Lage herauszuführen. Es kann und muss jedoch mehr tun.
Mit Deutschland als demokratischem Führer der Europäischen Union bekommt Europa Gewicht und Einfluss in der Welt. Wenn Deutschland die Führung verweigert, ist die EU als internationaler Akteur blockiert, gleichbedeutend mit verpassten Chancen und verminderter globaler Wirkung.
Die deutsche Außenpolitik ist in jüngster Zeit sowohl im Lande selbst als auch aus den Reihen seiner engsten Verbündeten in die Kritik geraten. Manche Stimmen halten Deutschland für selbstbezogen, ziellos, unzuverlässig, unentschlossen, unsicher und sogar ängstlich vor sich selbst, an der Oberfläche übermäßig moralistisch und emotional und darunter zugleich unverhohlen pragmatisch und vorteilsorientiert. Ein guter Teil dieser Kritik ist ernst zu nehmen und verdient Beachtung. Insgesamt aber handelt es sich um eine Karikatur.
Das heutige Deutschland ist gewiss keine Großmacht. Es ist keine vollwertige Militärmacht, auch wenn die Bundeswehr eine moderne, gut ausgebildete Armee ist. Es ist trotz seiner zentralen Lage in Europa und vieler Interessen und vielfältiger Erfahrungen darüber hinaus kein eigentlich geopolitischer Akteur. Es ist, wichtiger noch, auch kein strategischer Akteur, obwohl seine großen Unternehmen in ihrem eigenen Bereich und ihrem weiteren operativen Umfeld längst gelernt haben, langfristig strategisch zu denken.
Übersicht zu diesem Artikel
1
Deutschland kann und muss seine globale Rolle finden
2
Von wirtschaftlicher Macht zu politischem Einfluss
3
Aufbau einer außenpolitischen Kultur
4
Mehr öffentliche Debatte
5
Beziehungen zu Russland