Die Lehren vom "ewigen Frieden" bleiben relevant!
Deutschlands Rolle in der Welt muss an seine innerstaatlichen und europäischen Leistungen und Politikansätze der Nachkriegsperiode anknüpfen. Deutschland kann als ernst zu nehmende und verantwortungsbewusste Macht auftreten, wenn es seine globale Rolle auf kantianischen Idealen und Grundsätzen aufbaut. Hobbesianische Mächte gibt es schon genug.
Welche weltanschauliche und normative Haltung vertritt Deutschland zu Grundfragen wie Krieg, Globalisierung, Religion und Armut?
Mit seinen Leistungen in den Bereichen Philosophie, Kunst, Musik, aber auch Industrie und Unternehmertum hat sich Deutschland in der Welt einen legendären Ruf erworben. Doch im Gegensatz zur noblen Reputation für diese Errungenschaften hat Deutschland außerhalb Europas im Bereich der Außenpolitik kein eigenständiges Profil.
In Anlehnung an den Titel eines Buches von Henry Kissinger drängt sich dem Betrachter die Frage auf: Hat Deutschland eine Außenpolitik? (Henry Kissinger: "Does America Need a Foreign Policy? Toward a Diplomacy for the 21st Century", 2001; deutsche Ausgabe: "Die Herausforderung Amerikas. Weltpolitik im 21. Jahrhundert", 2002)
Durch Deutschlands enges Bündnis mit den USA, seine führende Rolle in der EU und seine beträchtlichen Hilfen an Entwicklungsländer erübrigen sich grundsätzliche Fragen nach seiner Rolle in der Weltpolitik keineswegs. Im Einzelnen: Welche generelle Zukunftsvorstellung hat Deutschland für sich selbst und die Welt? Welche weltanschauliche und normative Haltung vertritt Deutschland zu Grundfragen wie Krieg, Globalisierung, Religion und Armut? Im Gegensatz zu seiner wirtschaftlichen Außendarstellung kommuniziert Deutschland seine außen- und sicherheitspolitischen Ansätze im konzeptionellen wie institutionellen Bereich nur unzureichend.
Deutschlands Außenpolitik wird wie die jedes anderen Staates von einigen Faktoren bestimmt, zu denen etwa die jüngere Geschichte und das Umfeld der Nachbarstaaten zählen. Europas jahrhundertealte Geschichte innerer Kriege, die Erblast zweier Weltkriege und auch der Kalte Krieg haben Deutschlands Weg als Staat nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt.
Der Aufbau der EU und die Wiedervereinigung waren Ergebnis weitblickender politischer Gestaltungskraft und bewiesen, dass Deutschland sich gestützt auf europäische und amerikanische Solidarität mit Erfolg neu erfinden konnte. Diese gestalterische Leistung brachte jedoch auch einige unbeabsichtigte Herausforderungen mit sich.
Übersicht zu diesem Artikel
1
Deutschland: Eine unsichere Macht in Konflikten
2
Deutschland ein pazifistisches Land?
3
Historische Verantwortung als Hürde zur Konfliktlösung
4
Die Außenwirtschaftsbeziehungen sind zu dominant
5
Innenpolitische Konstanten als Stolpersteine
6
Hin zu einer kantianischen Außenpolitik