Globale Partnerschaften ausbauen
Angela Merkels europäisches Krisenmanagement hat Deutschlands Führungsrolle in Europa unterstrichen. Frankreich und Großbritannien können diese Rolle nicht mehr ausfüllen. "Frieden durch Integration" ist eine europäische Errungenschaft, der Deutschland durch Europa global Geltung verschaffen soll. Das 21. Jahrhundert kann insofern ein gutes Jahrhundert für Deutschland werden.
Heute kann nur Berlin Europa effektiv anführen. Paris und London sind dazu nicht mehr in der Lage.
Das 20. Jahrhundert war für Deutschland ein schlechtes. Es verlor zwei Weltkriege und war ein halbes Jahrhundert geteilt und besetzt. Die zweite Hälfte des Jahrhunderts bescherte Deutschland zwar Frieden und Wohlstand, doch psychologisch ertrank es in Schuldgefühlen. Das 21. Jahrhundert hingegen könnte für Deutschland zu einem großen Jahrhundert werden.
Um positiv auf das neue Jahrhundert blicken zu können, muss sich Deutschland in seinem veränderten globalen Umfeld neu orientieren. In diesem neuen globalen Umfeld kann Deutschland nur Größe entfalten, wenn es die Führung in Europa übernimmt. Henry Kissinger sagte einst, dass Europa ein „wirtschaftlicher Riese, aber ein politischer Zwerg“ sei und fügte hinzu, dass er nicht wisse, welche Telefonnummer er wählen müsse, um mit Europa sprechen zu können. Heute weiß er es: Er muss Angela Merkel anrufen. Wie meisterlich sie Europa durch die Euro-Finanzkrise geführt hat, hat bewiesen, dass heute nur Berlin Europa effektiv anführen kann. Paris und London sind dazu nicht mehr in der Lage. Wie bei alten Adligen, die auf Schlössern residieren, die sie sich eigentlich nicht mehr leisten können, steht für Frankreich wie für das Vereinigte Königreich die Besitzstandsaufwahrung im Vordergrund. Der Ruhm vergangener Zeiten, der Fortbestand außenpolitischer Traditionen wie ihre ständige Mitgliedschaft im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (VN) stehen im Fokus der alten Mächte und weniger die Aufgabe, Europa in eine neue Zukunft zu führen.
Um Europa effektiv führen zu können, muss Deutschland sein neues globales Umfeld verstehen. Erstens leben wir in einer kleinen, schrumpfenden, von wechselseitiger Abhängigkeit geprägten Welt. In den Worten von Kofi Annan wohnen wir in einem kleinen globalen Dorf und alle Dörfer brauchen Räte. Daher braucht unsere Welt stärkere ̶ und nicht schwächere ̶ globale multilaterale Institutionen. Zweitens werden wir das Wiedererstarken Asiens erleben. Vom Jahr 1 bis 1820 waren stets China und Indien die größten Volkswirtschaften der Welt, wie der britische Historiker Angus Maddison nachweisen konnte. Daher wäre eine Rückkehr zur Norm zu erwarten, die das Wiedererstarken Asiens bis zum Jahre 2050 oder noch früher vermuten ließe. Drittens werden wir uns auf die Ablösung der zwei Jahrhunderte lang währenden westlichen Vorherrschaft in der Weltgeschichte einstellen müssen. Wir werden uns zudem bewegen weg von der monozivilisatorischen Welt mit einer dominanten westlichen Kultur und hin zu einer multizivilisatorischen Welt mit zahlreichen erfolgreichen Kulturen.
Zum Glück wird Samuel Huntington nicht Recht behalten. Im Zuge einer breiten Modernisierung und dem Aufstieg neuer Mittelschichten wird es entgegen seiner Vorhersage keinen Kampf der Kulturen geben. Mittelklasseschichten streben nach Frieden und Wohlstand und sind nicht an kriegerischen Auseinandersetzungen interessiert. Die Zahlen sprechen hier für sich: Im Jahr 2010 gehörten in ganz Asien, von West- bis Ostasien, 500 Millionen Menschen zur Mittelschicht. Bis zum Jahr 2020 werden sie um das 3,5-fache auf 1,75 Milliarden explosionsartig anwachsen. Jawohl! Diese Bevölkerungsschicht wird sich modernisieren, aber nicht verwestlichen. Stattdessen wird es zahlreiche kulturelle Renaissancen geben. Chinesen, Inder und andere werden sich wieder stärker auf ihre eigenen kulturellen Wurzeln und Identitäten beziehen. In dieser multizivilisatorischen Welt wird die Fähigkeit zur interkulturellen Sensibilität eine wesentliche Voraussetzung dafür sein, um führen zu können. Diese Sensibilität fehlt Europa.
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