Amerika ist die gütigste Großmacht, die die Welt erlebt hat. Vermutlich hat sie mehr Gutes getan als alle anderen Großmächte.
Europa sollte Amerika multilateralisieren. Die aktuellen Sorgen und Nöte Amerikas sind zum Großteil durch eine zu stark ausgeprägte Selbstorientierung verursacht. In weiser Voraussicht riet Deutschland Amerika in 2003 vom Irakkrieg ab. Amerika hörte aber nicht zu und bezahlte hierfür einen hohen Preis. Die Kosten beliefen sich auf rund drei Billionen US-Dollar; die militärische Intervention hinterließ ein zerstörtes Land. Auch gab Europa Amerika den Rat, dem Kyoto-Protokoll, dem UN-Seerechtsübereinkommen und dem Internationalen Strafgerichtshof beizutreten, aber in diesen und vielen weiteren Fällen weigerte sich Amerika kategorisch, dem europäischen Rat zu folgen.
Ein Aspekt muss an dieser Stelle noch hervorgehoben werden, um jedes Missverständnis zu vermeiden. Amerika ist die gütigste Großmacht, die die Welt erlebt hat. Vermutlich hat sie mehr Gutes getan als alle anderen Großmächte. Aber es hat von Zeit zu Zeit sich selbst und auch der Welt Schaden zugefügt. Europa kann aber Amerika vor größerem Schaden bewahren. Als Amerika noch die unumstrittene alleinige Supermacht auf der Welt war, mag es im nationalen Interesse Amerikas gewesen sein, die multilateralen Organisationen schwach zu halten. Wenn allerdings Amerika unausweichlich von der Nummer eins zur Nummer zwei auf der Welt wird, wird sich sein nationales Interesse verändern müssen.
Bill Clinton wandte sich einst mit den folgenden weisen Worten an seine amerikanischen Mitbürger: Wenn sie davon überzeugt seien, dass die Macht, Kontrolle sowie die uneingeschränkte Freizügigkeit und Souveränität ihres Landes für ihre Zukunft unabdingbar seien, wäre es konsequent, wenn die USA weiterhin unilateral agierten. Das sollten die USA aber nicht tun, wenn man davon überzeugt sei, eine Welt kreieren zu wollen - mit Regeln, Partnerschaften und Verhaltensweisen - in der man leben wollen würde, wenn man nicht mehr die militärische, politische und wirtschaftliche Supermacht wäre. Es komme da auf die Überzeugung an.
Wenn Amerika in der Rangliste der Weltmächte zukünftig Platz zwei besetzt, wird es in seinem nationalen Interesse sein, multilaterale Initiativen und das Völkerrecht zu stärken, um die kommende Nummer eins der Mächte auf der Welt, nämlich China, im Zaum halten zu können. So habe ich meinen amerikanischen Freunden immer wieder erklärt, dass jedes Schlupfloch im Völkerrecht, das Amerika heute schafft, ein Schlupfloch darstellt, durch das China morgen schlüpfen wird. Mit Sicherheit ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, diese Schlupflöcher zu schließen.
Der Kontinent, der über die gründlichsten Erfahrungen mit multilateralen Prozessen und Institutionen verfügt, ist Europa. Dies ist ein Bestandteil der geheimen DNA Europas. Leider verachten viele amerikanische Intellektuelle, vor allem die Neokonservativen, den Multilateralismus.
Wenn Europa Amerika die Vorzüge des Multilateralismus überzeugend darlegen kann, so wie er Europa Frieden und Wohlstand gebracht hat, kann Amerika vor sich selbst gerettet werden. Die Deutschen sind Amerika völlig zu Recht dankbar dafür, dass es eine freundliche Besatzungsmacht war. Nun ist es an der Zeit, die Großzügigkeit Amerikas zu erwidern, indem sie Amerika die Ratschläge gibt, die es braucht. Hierzu braucht es Mut und moralischen Anstand, den nur wenige Freunde bereit sind, aufzubringen. Deutschland hat beides.
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