Ein unsicheres und verärgertes Russland stellt ein Problem für Europa dar, nicht für Amerika.
Europa muss Russland europäisieren. Das ist nicht einfach. Wie sich bei der aktuellen Tragödie in der Ukraine gezeigt hat, ist Russland zwischen seiner slawischen und europäischen Bestimmung hin- und hergerissen.
Glücklicherweise haben die meisten europäischen Intellektuellen Verständnis für die historischen Ängste Russlands, wurde es doch unzählige Male von europäischen Mächten überfallen. Die amerikanischen Intellektuellen verstehen Russland nicht, und, was viel schlimmer ist, sie begreifen nicht, wie sehr sich Russland von Amerika nach dem Ende des Kalten Krieges gedemütigt fühlte. Ich stand neben dem wutentbrannten damaligen russischen Botschafter bei den Vereinten Nationen, Sergej Lawrow, als er beiläufig erfahren musste, dass der damalige US-Präsident, Bill Clinton, entschieden hatte, Bagdad im Jahr 1998 bombardieren zu lassen, ohne zuvor Russland zu konsultieren.
Ein unsicheres und verärgertes Russland stellt ein Problem für Europa dar, nicht für Amerika. Amerika hat sich um seine Nachbarn gekümmert und vorausschauend mit Kanada und Mexiko das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) abgeschlossen. China hat mit großzügigen Zugeständnissen an den Verbund Südostasiatischer Nationen (ASEAN) den China-ASEAN-Freihandelsraum geschaffen. China hat sich außerordentlich klug verhalten, alle seine Nachbarn für eine wechselseitig bindende und vorteilhafte Handelsbeziehung gewonnen zu haben. Deshalb machen wir uns keine Sorgen wegen eines Krieges um Taiwan.
Die Größe des Bruttoinlandprodukts (BIP) der EU beträgt 16,5 Billionen US-Dollar. Russland weist hingegen nur einen BIP in Höhe von 2 Billionen US-Dollar auf. Gleichwohl bleibt Russland eine Militärmacht, die Europa sogar vernichten könnte. Es ist ein Gebot des gesunden Menschenverstandes, dass die EU den Anfang macht und Russland ein einseitiges Handelsabkommen anbietet, so wie es China den ASEAN-Staaten angeboten hat. Ein derartiges Handelsabkommen würde die Auslandsdirektinvestitionen in Russland massiv befördern. Die russische Fertigungsindustrie, die mit Europa verbundenen Unternehmer und die Mittelschicht bekämen so eine neue Chance zum wirtschaftlichen Aufstieg.
Infolge der Ukraine-Krise scheint die aktuelle Atmosphäre so vergiftet zu sein, dass dies nur wenige Europäer für realistisch halten. Aber es liegt durchaus in der geopolitischen Logik, dass sich Russland aus der Umarmung Chinas lossagt, um eine engere wirtschaftliche Beziehung mit Europa einzugehen. Und sollte Europa hier keinen Erfolg haben, obwohl die geopolitischen Kräfte günstig ausgerichtet sind, dann zeigt dies nur, dass es in der Geopolitik schwerwiegende Fehler gemacht hat.
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