Deutschlands Selbstbild als Handelsmacht, auch wenn es sein Ranking als der drittgrößte Waffenhändler der Welt mit einschließt, ist nun überholt.
Das Tempo der Veränderung ist wahrscheinlich ein ebenso wichtiger Faktor der aktuellen internationalen Beziehungen wie der Inhalt und die wachsende Komplexität der Themen auf der internationalen Agenda.
Man kann wohl davon ausgehen, dass jede Generation vor eigenen diplomatischen Herausforderungen steht und sich die Arbeitsweisen und Aufgaben von Außenministerien entsprechend entwickeln, aber in der heutigen Welt ist die Definition einer Generation als Zeitraum von etwa fünfzehn Jahren nicht länger aufrechtzuerhalten und hier liegt das Problem. Es ist kaum übertrieben, zu sagen, dass die Jahre seit der Jahrtausendwende wie ein verdichtetes Jahrhundert wirken.
In Europa und anderswo auf der Welt entstehen unterschiedliche Szenarien absteigender und aufstrebender Mächte. Der relative Abstieg der USA birgt neue Möglichkeiten und Gefahren während des Übergangs zu einer multipolaren und postwestlichen Welt.
Die Mehrheit der EU-Regierungen versucht, gute Miene zu verringerten Budgets für Außenministerien und sinkenden diplomatischen Kapazitäten zu machen. Deutschland aber nimmt eine Sonderstellung ein. In künftigen Jahren wird seine Außenpolitik immer mehr Aufgaben und immer größere Verantwortung übernehmen müssen, und nur sehr wenige beklagen sich über den Aufstieg Deutschlands im 21. Jahrhundert.
Deutschland ist möglicherweise in die blühendste und vielversprechendste Phase seiner internationalen Karriere eingetreten. Seit der Fußballweltmeisterschaft 2006 können deutsche Bürger ihre Fahne mit unverhohlenem Stolz zeigen, und das gilt auch für die Residenzen der deutschen Botschafter.
In einer Umfrage im Jahr 2013 wurde dieses Land, das sich in seinem neu gefunden Selbstvertrauen sonnt, als "die am positivsten bewertete Nation der Welt" eingestuft. Was bedeutet das für die deutsche Außenpolitik und Diplomatie?
Alle deutschen Regierungen seit 1949 wurden stark von der Vergangenheit geprägt und Deutschland ist aufgrund seiner Geschichte unwillig, als führende Kraft Europas in Erscheinung zu treten. Aber Deutschlands Partner ändern ihre Haltung. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier gewöhnen sich allmählich an die Tatsache, dass andere – seien es mehr oder weniger vertraute europäische Staats- und Regierungschefs, der US-Präsident oder die Führungsspitze des chinesischen Parteienstaats – Deutschland immer öfter auffordern, mehr Verantwortung auf internationaler Ebene zu übernehmen. Deutschland wird zu einer globalen Macht durch Aufforderung.
Die gegenwärtigen Ereignisse sorgen für den Rest. Russlands Landnahme in der Ukraine ist natürlich ein Meilenstein historischen Ausmaßes auf einem Kontinent, in dem die Menschen es nicht fassen können, dass so etwas im 21. Jahrhundert geschieht.
Dieses psychologische Erdbeben und seine Nachwehen werfen Deutschlands bequemes Image als Handelsnation über den Haufen. Deutschlands Selbstbild als Handelsmacht Deutschland, auch wenn es sein Ranking als der drittgrößte Waffenhändler der Welt mit einschließt, ist nun überholt.
Wie Präsident Obama in seiner NATO-Rede Ende März klargemacht hat, wird von Europa erwartet, dass es mehr für seine eigene Verteidigung ausgibt und sich stärker für die internationale Sicherheit einsetzt. Es ist klar, an welchen Platz dies Deutschland als führende Macht der Europäischen Union rückt und wie sich dadurch die diplomatischen Herausforderungen des Landes vergrößern. Die langfristigen diplomatischen Konsequenzen des deutschen Aufstiegs sind tiefgreifend, vielseitig und schwer vorhersehbar.
Macht durch Aufforderung oder nicht, deutsche Diplomaten sollten jedenfalls stets damit rechnen, dass die öffentliche Meinung im Ausland launisch ist und immer bereit, ihre Loyalitäten zu wechseln. Wie die Vereinigten Staaten, Japan und China in dem nun schon fast vergangenen Dreivierteljahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfahren mussten, macht steigende wirtschaftliche Prosperität ein Land nicht automatisch beliebter. Deutschlands wirtschaftliche Spitzenposition hat ihm in Südeuropa wenig Freunde beschert.
Übersicht zu diesem Artikel