Die deutsche Diplomatie der Zukunft wird die Dinge "besser hinkriegen", wenn sie die Gesellschaft als eine Ressource der Diplomatie betrachtet. Der Staat wird in künftigen internationalen Beziehungen nicht mehr die Norm sein, und Diversität über den Staat hinaus wird mehr und mehr als normal angesehen werden.
Mediterrane Verbitterung angesichts der Wirtschaftspolitik Deutschlands belegt, dass seine Diplomatie nicht immer den gewünschten Erfolg bringt. Auch wird die deutsche Regierung nicht gerade als einer der Vorreiter internationaler diplomatischer Innovation betrachtet. Sie wird sich aber in diese Rolle einfinden müssen, wenn Deutschland die internationalen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bestehen soll.
Gute Diplomatie beginnt damit, wachsende Komplexität im eigenen Land zu erkennen. In der Praxis operiert in Deutschland bereits ein Nationales Diplomatisches System (NDS), in dem andere Regierungsressorts ihre eigenen internationalen Kapazitäten und Rollen mit ins Spiel bringen. Aber einige im Auswärtigen Amt träumen wohl immer noch von einer koordinierenden Rolle, die tatsächlich eher dem Kanzleramt zukommt, anstatt ihre Rolle in Bezug auf Wissens- und Netzwerkmanagement neu zu definieren.
Würde das NDS und damit die Ausübung von Diplomatie in allen Ressorts der Regierung erst einmal als Realität anerkannt, könnte mehr getan werden, um es zu einem einheitlichen Ganzen werden zu lassen. In einer sich schnell verändernden Welt sollten Nationale Diplomatische Systeme nationale diplomatische Strategien entwickeln. Die Rolle des Außenministeriums in Bezug auf Analyse und Politikplanung sollte dafür von zentraler Bedeutung sein. Gemeinsame Ausbildung und systematischer Austausch von Mitarbeitern zwischen verschiedenen Ministerien sind nur ein erster Schritt.
Nichtstaatlichen Akteuren kommt ebenfalls eine wachsende Bedeutung in einer Zeit zu, in der die Regierung immer öfter in Situationen gerät, in denen ihre Bediensteten einen Mangel an Legitimität gegenüber der Zivilgesellschaft spüren oder ihnen eine bestimmte Art von Wissen fehlt, das notwendig ist, um komplexe internationale Angelegenheiten anzugehen.
Das Auswärtige Amt muss daher zunehmend die Kapazität der Zivilgesellschaft und das politische Netzwerk nutzen, um seine eigene Leistung zu steigern. Das sich erweiternde Nationale Diplomatische System, dessen Kern das Auswärtige Amt bildet, umschließt dann nicht mehr nur die gesamte Regierung, sondern wird immer stärker durch einen vernetzten Ansatz charakterisiert, der die gesamte Gesellschaft umfasst.
In der deutschen Bürokratie sehen Beamte des alten Stils die Beziehungen des Auswärtigen Amts zu den Bürgern im Inland immer noch mehr oder weniger als eine Einbahnstraße an, eine Beziehung, in der die Regierung besser kommunizieren sollte, was sie im Interesse der Gesellschaft tut. Dies ist eine zutiefst traditionelle Sicht auf eine sich schnell verändernde Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft, die auf eine diplomatische Revolution hinausläuft. Die deutsche Diplomatie der Zukunft wird die Dinge "besser hinkriegen", wenn sie die Gesellschaft als eine Ressource der Diplomatie betrachtet.
Die diplomatische Öffnung im Inland hat sein internationales Äquivalent in einem von Richard Haass als "messy" oder chaotisch bezeichneten Zustand, der aber tatsächlich eine Voraussetzung für diplomatischen Erfolg sein kann. Die heutige Welt ähnelt nicht mehr der relativ klaren internationalen Ordnung, wie sie noch vor zwei Generationen bestand.
Der Staat wird in künftigen internationalen Beziehungen nicht mehr die Norm sein, und Diversität über den Staat hinaus wird mehr und mehr als normal angesehen werden. Staaten und nichtstaatliche Organisationen einander gegenüber zu stellen, gehört der Vergangenheit an. Der Ausdruck "Polylateralismus", den Geoffrey Wiseman prägte, wird bereits jetzt der Welt von heute eher gerecht, in der Staaten mit einer großen Vielzahl von anderen internationalen Akteuren zusammenarbeiten.
Die heutige Welt der multiplen Akteure im Sinne des Neo-Mittelalters zu beschreiben, ist jedoch weniger hilfreich, als ein Verständnis für die Beziehungen zwischen Staaten und anderen Akteuren zu entwickeln. Die Essenz und das Potenzial der Diplomatie liegen schließlich in der Natur, Qualität und Reichweite sehr verschiedener Beziehungen.
In der neuen globalen Umgebung werden sich deutsche Diplomaten und die deutsche Gesellschaft daran gewöhnen, dass ihr Land zu einem Global Player wird. Wie kann den deutschen Interessen am besten gedient werden – unter europäischer Flagge, im Rahmen des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD), oder als deutsche Außenpolitik, umgesetzt durch einen deutschen diplomatischen Dienst? Sollte letzteres der Fall sein, wofür gibt es dann den EAD?
Abgesehen von liberalen Tendenzen und abhängig davon, was auf dem Spiel steht, wird womöglich auch die Welt sichtbar, die das Wort Realpolitik aus der deutschen Sprache entliehen hat. Die entstehende internationale Ordnung weist einen geopolitischen Trend zugunsten neuer Mächte auf und zeichnet sich besonders durch den Aufstieg Chinas und Ostasiens als Teil einer höchst signifikanten und rasch verlaufenden wirtschaftlichen Verschiebung nach Osten aus.
Zum ersten Mal seit der industriellen Revolution wächst der Einfluss Asiens in globalen Foren. Diese Entwicklung bietet deutschen Diplomaten einen Blick auf Alternativen zu bestehenden Kodizes diplomatischer Praxis, wie sie zum Beispiel in den Prinzipien zum Ausdruck kommen, die die Beziehungen innerhalb ASEAN regeln, und in den integrativen Diskussionen zwischen demokratischen und autoritären Staaten im Bali Democracy Forum.
Aber die kulturelle Herausforderung durch nicht-westliche und asiatische Interessen und Werte bedeutet nicht nur, dass Regeln durch Beziehungen ersetzt werden. Für einen zukünftigen Global Player wie Deutschland ist die Lehre, die aus den jüngsten Ereignissen in der Ukraine zu ziehen ist, die, dass der Westen durch die konkurrierende Logik in den internationalen Beziehungen immer größeren Herausforderungen ausgesetzt sein wird – durch Russland, China und andere nicht westliche Länder –, die zu Unwägbarkeiten in der internationalen Arena beitragen.
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