Etwas würde schief laufen, würde Deutschland nicht mehr Kapazitäten in die Klärung der Frage investieren, wie die Welt gestaltet werden sollte, als in die Klärung der Frage, wer sie gestalten sollte.
Machtverschiebungen können aber auch paradoxe Effekte mit sich bringen, die mit Chancen für die westliche Diplomatie einhergehen. Die neuen aufstrebenden Mächte denken über die politischen Auswirkungen steigenden wirtschaftlichen Wohlstands, des Anwachsens der Mittelschicht und verstärkt geführter Debatten in ihren Zivilgesellschaften nach.
Die deutsche Diplomatie könnte den Weg weisen, indem sie mutige diplomatische Standards für Beziehungen zu autoritären Mächten anlegt, so dass die Realitäten der postwestfälischen Welt nicht außer Acht gelassen werden.
Die vielgestaltigen Beziehungen zu den Schwellenländern beinhalten viel mehr als nur den Wirtschaftsbereich. Mit Betonung auf der Bedeutung von Kulturdiplomatie und Beziehungen zwischen den Zivilgesellschaften sollte das Markenzeichen der zukünftigen deutschen Diplomatie – über Handel und offizielle Beziehungen zwischen Regierungen hinausgehend – darin bestehen, dass Staaten die Realität der gegenseitigen Einmischung in die internen Angelegenheiten der anderen anerkennen.
Ein neuerer Bericht der Stiftung Wissenschaft und Politik und des German Marshall Fund hat zu Recht darauf hingewiesen, von welch ausschlaggebender Bedeutung es ist, dass Deutschland auf allen Ebenen einen Austausch mit anderen Gesellschaften führt. In den zukünftigen internationalen Beziehungen auch zu den neuen Mächten der Welt sollte Deutschland "sich nicht nur auf die Ebene der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit beschränken, sondern muss auch die Zivilgesellschaften mit einbeziehen". ("Neue Macht, neue Verantwortung: Elemente einer deutschen Außen- und Sicherheitspolitik für eine Welt im Umbruch". Ein Papier der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und des German Marshall Fund of the United States (GMF), 2013, S. 33.)
Die künftige Auswärtige Informations- und Kulturpolitik sollte weit über bloßes Branding und das Ziel, den Ruf Deutschlands zu verbessern, hinausgehen, was in dem Slogan Land der Ideen so gut zum Ausdruck kommt. Angesichts dessen, was die Pflicht zur Einmischung genannt werden könnte, liegt die Bedeutung der Auswärtigen Informations- und Kulturpolitik in den internationalen Beziehungen nicht darin, wie sie sich von der Diplomatie als Ganzes unterscheiden sollte.
Das Gegenteil ist der Fall: Die Diplomatie des 21. Jahrhunderts "bietet eine andere Art der Gestaltung internationaler Politik und der Mittel an, durch die eine solche Politik umgesetzt werden und daher auf einem anderen Verständnis der Natur von Kommunikations- und Verhandlungsprozessen beruhen kann". (Brian Hocking, Jan Melissen, Shaun Riordan, Paul Sharp, "Integrative Diplomacy: The Future of Diplomacy in the 21st Century", China International Strategy Review 2013.)
In der volatilen, in einem Übergangsstadium befindlichen Welt des 21. Jahrhunderts sind die vier Schlüsselfragen, die das Auswärtige Amt beantworten muss, folgende:
- Wird Deutschland als Deutschland oder als Europäische Union ein Global Player werden und welche Mischung aus nationaler und supranationaler Diplomatie ist in einer zunehmend multipolaren Welt gefragt?
- Wie kann das Außenministerium neben politischer Kohärenz auch eine strategische Vision auf der Grundlage von Wissen über die internationale Umgebung und ein Verständnis von dieser Umgebung sicherstellen?
- Wie kann das AA mit dem sich rasch verändernden und immer wichtiger werdenden digitalen Kontext der Diplomatie, dem nächsten Neuland der diplomatischen Innovation, fertig werden?
- Wie kann die deutsche Diplomatie den Konflikt zwischen den liberalen Werten des Landes und der Rückkehr der Geopolitik bewältigen?
Es ist wichtig und dringlich, dass Deutschland in eine diplomatische Erneuerung investiert – als Global Player, der mit gleichgesinnten Ländern und mit neuen Mächten zusammenarbeitet. Etwas würde ganz und gar schief laufen in Europas führendem Staat, würde er nicht mehr Kapazitäten in die Klärung der Frage investieren, wie die Welt gestaltet werden sollte, als in die Klärung der Frage, wer sie gestalten sollte.
Im europäischen Kontext muss Deutschland vielleicht erst einmal mit traditionellen Mächten wie Frankreich und dem Vereinigten Königreich gleichziehen, deren wichtiges globales Kapital die diplomatischen, politischen und staatlichen Restbestände imperialer Politik sind.
Im Gegensatz dazu liegen Deutschlands viel gepriesene Stärken vor allem im wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und technischen Bereich. Bis 2025 werden Geschäftsleute aus allen Ecken der Welt weiterhin nach Deutschland strömen. Werden diejenigen, die nicht nach Handel streben, sondern nach der neuesten und besten Diplomatie, auch darüber nachdenken, nach Berlin zu gehen?
Übersetzung des englischen Originaltextes
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