Was bedeutet internationale Verantwortung Deutschlands?
Für Deutschland muss die Westbindung als unwiderruflich gelten, eine Schaukelpolitik zwischen West und Ost ist keine Option. Die deutsche Öffnung gegenüber der politischen Kultur des Westens bleibt die wichtigste Lehre aus dem Jahrhundert der Extreme. Dieser Prozess ist solange nicht abgeschlossen, als die unveräußerlichen Menschenrechte nicht weltweit gelten. Deutschland als eine der jungen Demokratien steht hier in der Pflicht auch gegenüber dem Westen.
Die anfangs höchst umstrittene Westbindung mitsamt dem Beitrag der Bundesrepublik zum west- europäischen Einigungs- prozess, das Werk einer Koalition der rechten Mitte unter Konrad Adenauer, hörte seit der historischen Kurskorrektur der Sozial- demokraten von 1959/60 auf, Gegenstand innenpolitischer Kontroversen zu sein.
Das "Zeitalter der Extreme": So lautet der einprägsame Titel von Eric Hobsbawms Buch über das 20. Jahrhundert (Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1995). Über dieses Zeitalter nachzudenken hat kein Land soviel Anlass wie Deutschland. Denn in seiner ersten Hälfte trug das vergangene Jahrhundert einen deutschen Stempel.
Das liegt nicht nur an dem maßgeblichen Anteil, den das Deutsche Reich an der Auslösung des Ersten Weltkriegs, der "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts, hatte (George F. Kennan, Bismarcks europäisches System in der Auflösung. Die französisch-russische Annäherung 1875 bis 1890, Frankfurt 1982, S. 12).
Es liegt auch daran, dass es ohne aktive deutsche Hilfe die Machtergreifung der russischen Bolschewiki im November 1917 nicht gegeben hätte – ein epochales Ereignis, das aus der Vorgeschichte zweier anderer Machtergreifungen totalitärer Bewegungen, derjenigen der italienischen Faschisten 1922 und jener der deutschen Nationalsozialisten 1933, nicht wegzudenken ist.
Dass auf den Ersten Weltkrieg ein Vierteljahrhundert später der Zweite folgte, war durchaus nicht zwangsläufig. Aber auch hier gilt: Ohne die Urkatastrophe von 1914 sind die Folgekatastrophen nicht zu erklären.
Deutschland war kulturell ein Land des Westens. Es hatte die großen europäischen Emanzipationsprozesse seit dem Mittelalter mitvollzogen, ja im Fall der Reformation in Gang gesetzt und Teil gehabt an der europäischen Aufklärung. Wesentlichen politischen Konsequenzen der Aufklärung aber in Gestalt der Ideen der unveräußerlichen Menschenrechte, der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie hatten sich die herrschenden Eliten Deutschlands bis ins 20. Jahrhundert hinein verweigert.
Der Erste Weltkrieg wurde von den deutschen Kriegsideologen als Kampf der "Ideen von 1914" gegen die Ideen von 1789 geführt. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit fanden ihr Gegenstück im Bekenntnis zu einem starken Staat, zur Volksgemeinschaft und zu einem "deutschen Sozialismus". Die erste deutsche Demokratie, die Republik von Weimar, galt der politischen Rechten als Produkt der Niederlage, als Staatsform der Sieger und damit als "undeutsch".
Die höchste Steigerung des deutschen Ressentiments gegen den Westen und sein normatives Projekt, die Ideen der Amerikanischen Revolution von 1776 und der Französischen Revolution von 1789, war die Herrschaft des Nationalsozialismus – die "deutsche Katastrophe", von der der Historiker Friedrich Meinecke 1946 sprach (Friedrich Meinecke, Die deutsche Katastrophe. Betrachtungen und Erinnerungen, Wiesbaden 1947).
Erst nach der zweiten, diesmal totalen Niederlage Deutschlands im 20. Jahrhundert konnte sich die westliche Demokratie in Deutschland, genauer gesagt, in einem Teil Deutschlands, dem westlichen, durchsetzen. Dass es dazu kam, war ein Gemeinschaftswerk der westlichen Alliierten, an ihrer Spitze der Vereinigten Staaten, und der weise gewordenen Weimarer, der Väter und Mütter des Bonner Grundgesetzes, die das "Dritte Reich" überlebt und aus dem Scheitern der Demokratie von 1918/19 Schlussfolgerungen für den Aufbau einer abwehrbereiten und funktionstüchtigen parlamentarischen Demokratie gezogen hatten.
Die anfangs höchst umstrittene Westbindung mitsamt dem Beitrag der Bundesrepublik zum westeuropäischen Einigungsprozess, das Werk einer Koalition der rechten Mitte unter Konrad Adenauer, hörte seit der historischen Kurskorrektur der Sozialdemokraten von 1959/60 auf, Gegenstand innenpolitischer Kontroversen zu sein.
Ein Vierteljahrhundert später, während des "Historikerstreits" von 1986 um die Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Judenmordes, wertete Jürgen Habermas die "vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens" als diejenige intellektuelle Leistung der westdeutschen Nachkriegszeit, auf die gerade seine Generation stolz sein könne (Jürgen Habermas, Eine Art Schadensabwicklung. Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung, in: "Historikerstreit". Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987, S. 62-76 (75)).
Das Verdikt des Philosophen wurde zur Geburtsstunde einer posthumen Adenauerschen Linken – einer informellen Koalition, der sich im Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung Deutschlands auch die Grünen anschlossen (Heinrich August Winkler, "Anschluß an den Westen". Adenauer und der deutsche Sonderweg, in: ders., Auf ewig in Hitlers Schatten? Über die Deutschen und ihre Geschichte, München 2007, S. 119 – 128 (127f.)).
Übersicht zu diesem Artikel
1
Lehren aus dem Jahrhundert der Extreme
2
Das außenpolitische Erwachsenwerden Deutschlands
3
Die Westbindung Deutschlands ist unwiderruflich
4
Die dreifache Krise des europäischen Integrationsprozesses
5
Die Weiterentwicklung der Europäischen Union zu einer Politischen Union
6
Wider einer Schaukelpolitik zwischen Ost und West!