Das sagen die Review 2014-Autoren zur Zukunft der EU
Die Wahlergebnisse zum Europäischen Parlament haben deutlich gemacht, dass die europapolitische Skepsis in fast allen Mitgliedstaaten der EU zugenommen hat. Die bei Review 2014 vorgestellten Außensichten zur außenpolitischen Selbstüberprüfung Deutschlands sprechen aber eine deutlich proeuropäische Sprache.
Garton Ash mahnt, dass Deutschland "Europa revitalisieren" müsse. Deutsche Stimmen wie die von Schwarzer sind bescheidener: "Für Deutschland war und bleibt es oberstes Ziel, die Eurozone zusammen zu halten." Die deutsche Europapolitik gilt aber als von kurzfristigen Interessen geprägt und als hinreichenden strategischen Gestaltungswillen vermissend (Tocci, Grant).
Ohne eine stärkere Führung Europas durch Deutschland als zentrale "Mittlermacht" (Slaughter) drohe der Integrationsprozess an Dynamik zu verlieren und Europa vor den wesentlichen Herausforderungen zu versagen: "Wie auch immer man das Zentrum der EU bestimmt: als deutsch-französische Achse, als Weimarer Dreieck oder als Zusammenspiel von Berlin, Paris und London – keine dieser Formeln für das Entscheidungszentrum der EU ist ohne den Einbezug Deutschlands möglich." (Münkler).
Umstritten ist hier allerdings die Frage, ob Deutschland einen eigenen Weg gehen sollte, wenn es in seinen politischen Überzeugungen von seinen europäischen Verbündeten abweicht. Während Garton Ash, Freedman, Grant und Arbour etwa die Entscheidung Deutschlands, sich bei der Libyen-Resolution des VN-Sicherheitsrates zu enthalten, scharf kritisieren, loben deutsche Friedensforscher wie Müller und viele asiatische Autoren die hier zum Ausdruck kommende außenpolitische Zurückhaltung.
Der chinesische Autor Feng Zhongping hält ein geeintes und weltpolitisch aktiver auftretendes Europa grundsätzlich für wichtig und Deutschlands Führungsrolle in diesem Prozess für unumgänglich. "Germany needs to have the courage to forge a pioneer group within the EU, further deepening the integration process within and meanwhile forming common positions and actions on international issues. [… ] The only realist approach would be allowing some countries to go first, the rest could catch up later on if they want" (Zhongping). Zu den wichtigsten politischen Herausforderungen in diesem Prozess werden neben der Finanzkrise auch die China- und Russlandpolitik gezählt. Sollte es Europa nicht schaffen, hier einheitlich aufzutreten, drohe die Gefahr, dass die Mitgliedstaaten von China und Russland gegeneinander ausgespielt würden (Grant, Godement, Heilmann).
Auch die Stabilisierung der europäischen Nachbarschaft wird als eine der ganz wesentlichen Herausforderungen betrachtet. Während die Krimkrise und das Umgehen mit Russland ganz im Zeichen der globalen Konfliktkonfiguration interpretiert wird (so besonders deutlich Mearsheimer) und entsprechend sehr unterschiedliche Antworten – bis hin zur Neuauflage der EU-Erweiterungspolitik (Tocci, Keyman, Schwarzer) - erfährt, soll der Süden durch eine "präventive Stabilisierungspolitik in der europäischen Peripherie" (Münkler, so auch Stein/Tempel) gefördert werde
Zusammenfassend fällt der deutlich proeuropäische und gleichzeitig eine deutsche Führungsrolle anmahnende Tenor der ganz überwiegenden Zahl der Beiträge auf.